REDs (Relatives Energiedefizit im Sport)

Eine sehr persönliche Geschichte…

Über Jahre habe ich mit depressiven Phasen, Angstzuständen, Schlafstörungen und massiven Magen-Darm-Problemen gekämpft. Lange wusste ich nicht, dass all diese Symptome einen gemeinsamen Nenner haben: REDs (Relatives Energiedefizit im Sport) – vereinfacht gesagt: zu viel Training bei gleichzeitig zu wenig verfügbarer Energie.

Ich habe damals einen Ärztemarathon hingelegt: depressive Episoden – Hausärztin, Magen-Darm-Probleme – Gastroenterologe, fehlende Trainingsanpassung und Muskel-/Sehnenschmerzen – Sportmediziner, ausbleibende Periode – Frauenarzt.

Ich mache niemandem einen Vorwurf, dass die Zusammenhänge nicht gesehen wurden. Das Thema war einfach noch kaum bekannt (ist es noch immer viel zu wenig…). Was mich damals aber wirklich schockiert hat: mein Frauenarzt meinte „bei Ihrem Sportpensum ist das ganz normal, dass die Periode ausbleibt. Ich habe Triathletinnen in der Praxis, bei denen ist das seit 15 (!) Jahren so.“ Er hat mir dann noch die Pille empfohlen, um das Problem „zu lösen“… danach habe ich mir eine neue Ärztin gesucht. Zum Glück wusste ich zumindest aus meinem Physiotherapiestudium und meiner Trainerausbildung, dass das nicht normal ist und ein relevantes Risiko für reduzierte Knochengesundheit und Stressfrakturen darstellt.

Aber erst als ich durch Zufall auf die Veröffentlichung zum Thema REDs im British Journal of Sports Medicine gestoßen bin, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass all meine gesundheitlichen Probleme vermutlich einen gemeinsamen Ursprung haben.

Hier die Symtome von REDs die für mich relvant waren:

  • Verdauungsbeschwerden Ständige Bauch- und Magenschmerzen, Durchfall, alle Unverträglichkeiten die man sich so vorstellen kann...
  • Schlafstörungen Durchschlafen war ein Fremdwort
  • Depressionen Über viele Monate habe ich mich selbst kaum wiedererkannt, war zutiefst niedergeschlagen und hing in endlosen negativen Gedankenspiralen fest.
  • Konzentrationsstörungen Fachliteratur zu lesen oder mich fortzubilden war zu der Zeit äußerst schwierig. Mein Hirn hatte einfach keine Kapazität sich länger auf anstrengende Dinge zu konzentrieren.
  • Muskel- und Sehnenschmerzen Eigentlich hat immer irgendetwas weh getan. Meine Waden und Achillessehnen standen unter solcher Spannung, dass mir die ersten Schritte immer große Schwierigkeiten bereitet haben.
  • Fehlende Trainingsanpassungen Nach einem Leistungspeak wurde rotz hartem Training die Leistung immer schlechter.
  • Hormonelle Störungen Auffällige Schilddrüsenwerte, ausbleibende Periode
  • Reduzierte Eisenlevel Der Ferritinwert war so niedrig, dass mich der Sportarzt gefragt hat wie ich damit meinen Alltag schaffe. Für mich hat sich dabei alles normal angefühlt.

Ich habe zwar meine Periode verloren, allerdings nur ein paar Monate. Ich finde das wichtig zu betonen, weil im Zusammenhang mit REDs oft vermittelt wird, dass die Periode der beste Marker dafür ist, ob alles ok ist. Das stimmt aber nicht immer – die Periode allein ist kein verlässlicher Marker dafür, ob ausreichend Energie verfügbar ist.

Das Gemeine an der ganzen Problematik: 2018/19 war meine Laufleistung am absoluten Höhepunkt, die Wettkämpfe haben sich großartig angefühlt. Ich bin auf allen Distanzen Bestzeiten gelaufen. Mein Gewicht war am Tiefststand, körperlich fühlte sich das noch erstaunlich gut an, aber gleichzeitig ging es mir psychisch immer schlechter. Auch die Schlafstörungen und Verdauungsbeschwerden waren in Wahrheit schon extrem…

Nach einem Armbruch im Sommer 2019 (durch einen Sturz beim Laufen) ging es auch im Laufen nicht mehr. Das Training machte plötzlich überhaupt keinen Spaß mehr, 5km-Läufe haben sich so mühsam angefühlt, dass ich zwischendurch stehen geblieben bin und zu weinen begonnen habe. Wettkämpfe habe ich abgebrochen, weil ich einfach nicht mehr konnte.

Anfang 2020 war mir zwar schon klar wo das Problem lag, aber ich war definitiv noch nicht bereit mich dem Thema auch wirklich zu stellen. Ich habe zwar begonnen etwas mehr/regelmäßiger zu essen, aber mein Training habe ich kaum reduziert und mich auch noch nicht wirklich um Sportverpflegung gekümmert. Zu dem Zeitpunkt war ich wirklich schon viele Jahre in einem Energiedefizit. „Dauer-Diätmodus“ (weil ich ein sehr verzerrtes Körperbild habe) und ein Trainingspensum von bis zu 150km/Woche vertragen sich nicht besonders gut. Mein Körper hat sich schon massiv gewehrt und mir neben all den Beschwerden auch extreme Heißhungerattacken beschert (kein Wunder, ich war permanent am verhungern…). Oft habe ich dann sogar noch mehr trainiert, weil mein Körper schon gegenzusteuern begonnen hat und mein Gewicht in die Höhe ging.

Über viele Jahre war es ein Kampf zwischen Restriktion und massiven Heißhungerattacken. Die Mentalität die im Laufsport vorherrscht „dünner=schneller“ ist da natürlich nicht förderlich. Kurz gesagt: das Problembewusstsein war da, wirklich etwas zu ändern war schwierig… Das habe ich eigentlich erst Anfang Mai 2023 gemacht: Das Training massiv reduzieren und trotzdem die Kalorienzahl hochhalten. Und siehe da, innerhalb kürzester Zeit war der Schlaf tatsächlich besser (ich habe jahrelang kaum eine Nacht durchgeschlafen) und auch die Verdauung hat sich verbessert (eine Zeitlang habe ich meine Trainingsstrecken nach den verfügbaren WCs ausgesucht…).

Ich habe meinen Körper so viele Jahre schlecht behandelt, da ist es fast ein Wunder, dass er überhaupt noch leistungsfähig ist. Einige gesundheitliche „Baustellen“ trage ich nach wie vor mit mir herum und kann noch nicht sagen wann/ob ich sie loswerde. Lange Zeit war ich mir nicht sicher ob ich überhaupt noch Wettkämpfe laufen will und ob ich jemals diese Balance aus gutem Training und adäquater Regeneration hinbekomme. Aber mittlerweile macht mir das schnelle Laufen und intensives Training wieder Spaß! Vor allem das phasenweise Training ohne Uhr (und damit ohne jeglichen Druck) und meine Touren in den Bergen, haben mir gezeigt wie sehr ich das Laufen liebe. 2025 war das erste Jahr wo mein Körper wieder auf Trainingsreize mit Leistungsverbesserung reagiert hat. Ich habe einen viel entspannteren Umgang mit meinen Trainingsleistungen. Wenn ich mich müde fühle, dann höre ich auf meinen Körper und mache Pause (das war früher undenkbar). Ruhetage genieße ich mittlerweile, weil ich weiß, dass sie mich besser machen! Und natürlich lege ich deutlich mehr Wert auf meine Alltags- und Sporternährung. Wobei mein oberstes Ziel immer ist genug zu essen, erst im zweiten Schritt kümmere ich mich genauer um die Zusammensetzung meiner Ernährung.

Das hört sich zwar positiv an, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass nicht noch regelmäßig die Gedanken kommen „mit ein paar Kilo weniger wärst du noch schneller (erfolgreicher/beliebter…)“. Ich nehme die Gedanken war und versuche ihnen nicht zu viel Raum zu geben. Wer weiß, vielleicht verstummen sie ja irgendwann.

Vieles was ich hier beschreibe wurde lange als normaler Teil von hartem Training gesehen – von mir selbst und auch von meinem Umfeld. Rückblickend war es das nicht. Vielleicht erkennt sich jemand in Teilen davon wieder und beginnt früher, Zusammenhänge zu hinterfragen und Warnsignale ernst zu nehmen.

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