Isabella erklärt warum manche Verletzungen schneller heilen als andere – und was du selbst dazu beitragen kannst.
In meinem Praxisalltag bekomme ich eine Frage immer wieder gestellt. „Wie lange dauert es nach meiner Verletzung, bis ich wieder Laufen/Springen/Skifahren/…kann“. Diese Frage löst jedes Mal viel in mir aus – ich will meinen Patient:innen natürlich eine realistische Einschätzung geben. Manchmal kann es aber schwierig sein und gerade bei Patient:innen die so schnell wie möglich wieder in ihren Sport zurückwollen, ist es oft schwer, wenn ich sagen muss, dass Wundheilung mehrere Wochen oder Monate benötigt. Oft habe ich das Gefühl, am liebsten würden Patient*innen eine genaue Zeitangabe von mir hören, „ab Tag X kannst du wieder alles machen“. Aber so einfach ist es nicht. Warum eigentlich nicht?
Entscheidend dabei ist die Wundheilung. „Wundheilung“ ist ein Überbegriff für ganz viele Prozesse in unserem Körper, auf die wir tatschlich viel Einfluss haben. Ich glaube, dass es auch für Patient:innen hilfreich ist (ungefähr) zu wissen, was in ihrem Körper passiert, während der Wundheilung und was sie tun können, um diese möglichst gut zu unterstützen.
Aber von Anfang an:
Was ist Wundheilung
Wundheilung ist die Reaktion von Gewebe im Körper auf eine Verletzung. Das Ziel der Wundheilung ist somit die Wiederherstellung der Funktion der betroffenen Struktur, um das Gleichgewicht des Körpers wiederherzustellen.
Die unterschiedlichen Wundheilungsphasen
Um verstehen zu können, wie unser Körper heilt, ist es wichtig zu wissen, das Wundheilung in mehreren Phasen abläuft. Direkt nach einer Verletzung startet sofort die erste Phase – die Entzündungsphase. Diese dauert ca. 0-5 Tage.
In der Entzündungsphase ziehen sich die Blutgefäße unmittelbar nach der Verletzung in dieser Region zusammen. Eine Reaktion des Körpers, um weitere Einblutungen in das Gewebe zu reduzieren. Wenn mich Patient:innen fragen ob Kühlen sinnvoll ist, zu diesem Zeitpunkt – ja. Durch eine Kühlung kann man den Effekt der verengten Gefäße unterstützen. Dieses Zusammenziehen der Blutgefäße hält jedoch nur etwa 1 bis 3 Minuten nach einer Verletzung an. Danach erweitern sich die Blutgefäße wieder. Daher sollte eine starke oder zu lange Kühlung eher vermieden werden.
Aber warum werden die Gefäße wieder erweitert? Das ist wichtig, da der Körper Abwehr- und Reparaturzellen (Monozyten und Leukozyten) in das Wundgebiet schickt, um beschädigtes Gewebe zu beseitigen.
Der Körper beginnt nun auch damit, die Wunde mit neuen Fasern zu stabilisieren. Diese neuen kollagenen Fasern sind zunächst aber noch sehr instabil und tolerieren nur geringe Zug- oder Druckbelastungen. In dieser Phase ist in der Physiotherapie der Schmerz ein guter Richtwert, wenn es um die richtige Belastungsdosierung geht. Man sucht also nach Bewegungen und Intensitäten, die möglichst wenig Schmerz verursachen bzw. ihn nicht verschlimmern.
Die klassischen Entzündungszeichen in der ersten Wundheilungsphase sind: Rötung, Schwellung, Schmerz, Wärme und die eingeschränkte Funktion.
Das Ziel in dieser Phase ist diese Entzündungszeichen so gut es geht zu reduzieren.
Die zweite Wundheilungsphase nennt man Proliferationsphase. Je nachdem, welche Struktur betroffen ist, dauert sie unterschiedlich lange. Bei Verletzungen der Muskulatur (z.B. ein Muskelfaserriss) beträgt sie etwa 2 bis 3 Wochen, bei Sehnen mindestens 6 Wochen, nach einer Knochenfraktur etwa 6-10 Wochen und bei Knorpelgewebe mindestens 12 Wochen. Die Dauer variiert auch nach Schweregrad der jeweiligen Verletzung.
In dieser Phase wird die Wunde durch neue und zunehmend festere Fasern stabilisiert. Trotzdem ist das Gewebe weiterhin nur begrenzt elastisch und belastbar. Bewegungen können weiterhin eingeschränkt und schmerzhaft sein. Für die Belastbarkeit bedeutet das, dass man sich auch in dieser Phase gut am Schmerz orientieren kann. Die Intensität und auch die Art der Belastung kann langsam gesteigert und an das verletzte Gewebe angepasst werden kann.
Die dritte Phase ist die Remodellierungsphase. Die anfangs weniger stabilen kollagenen Fasern, welche die Wunde zusammengehalten haben, werden zunehmend dicker und belastbarer.
Je nachdem, welches Gewebe verletzt wurde, ist es jetzt besonders wichtig, die richtigen Belastungsreize zu setzen. Das bedeutet: Sehnen benötigen vor allem Zugbelastung, Knorpel reagiert besonders auf dosierte Druckbelastung.
Diese Phase dauert – je nach Gewebeart – mehrere Monate bis zu einem Jahr. Viele staunen, wenn sie hören, dass Heilung bis zu einem Jahr (oder manchmal auch länger) dauern kann. Aber das bedeutet nicht, dass man ein Jahr lang nicht belasten kann oder eingeschränkt ist!
Warum angepasste Bewegung in den einzelnen Wundheilungsphasen so wichtig ist
Sehr oft höre ich im Erstgespräch, gerade bei chronischen Schmerzen, dass der Bereich, (oft der Rücken) viel geschont wurde. Ich verstehe den Gedanken auch – mir tut etwas weh, ich will diesen Schmerz nicht reproduzieren, also vermeide ich Bewegung. Aber wirklich besser wird es dadurch meist auch nicht. Ich will auch nicht sagen, dass Entlastung oder Schonung per se verkehrt ist. Bei bestimmten Verletzungen – oder nach einer Operation – ist eine vollständige Entlastung zeitweise sogar notwendig. Bei Schmerzen ist eine Anpassung der Belastung in jedem Fall richtig.
Unser Körper ist dazu da bewegt zu werden! Selbst wenn wir eine Verletzung oder Schmerzen haben, profitiert er von richtig dosierter Belastung.
Eine zu geringe Belastung kann auf Dauer ungünstig sein und unerwünschte Folgen haben: Wird zum Beispiel eine verletzte Gelenkskapsel zu viel geschont, kann dies zu einer zunehmenden Steifheit des Gelenks führen. Auch unsere Bänder im Körper regieren negativ auf eine zu lange Ruhigstellung. Sie können an Dehnfähigkeit, Zugfestigkeit und Belastbarkeit verlieren. Bei Sehnen kann eine falsche Belastungssteuerung zu strukturellen Veränderungen, Chronifizierungen oder im ungünstigsten Fall zu Rupturen führen. Muskulatur verliert bei längerer Inaktivität an Kraft, Masse und Flexibilität. All das kann mit vermehrten Schmerzen einhergehen – oft wird dann noch mehr geschont – ein Teufelskreis.
Die richtige Belastungsintensität finden
Der richtige Weg ist es, das betroffene Gebiet, angepasst an die jeweilige Wundheilungsphase und den Schmerz zu belasten. Schmerz während einer Belastung sowie die Reaktion des Gewebes nach einer Trainingseinheit sind dabei gute Indikatoren.
Keiner mag Schmerzen, das ist klar – dennoch erkläre ich meinen Patient:innen immer, dass Bewegungen nicht zu 100% schmerzfrei sein müssen. Wer den Blogbeitrag über Schmerz gelesen hat, weiß, Schmerz bedeutet nicht gleich einen (neuen) Schaden! Dennoch ist es wichtig, Schmerz richtig einzuordnen.
In der Physiotherapie kann uns eine Schmerz-Skala von 0-10 helfen um besser einordnen zu können, ob die Intensität einer Übung richtig gewählt ist. 0 = kein Schmerz bis 10 = der stärkste Schmerz den man sich vorstellen kann. Während einer Belastung sollte der Schmerz idealerweise nicht über 5 auf der Schmerzskala liegen. Aber was bedeutet jetzt 5 von 10? Ich sage immer, wenn man während der Übung ein Ziehen, Druckgefühl oder ähnliches spürt aber nicht das Gefühl hat die Bewegung stoppen zu müssen, ist die Belastung gut. Signalisiert der Körper starke Schmerzen, sodass man der vorgegeben Bewegung ausweicht oder es so unangenehm ist, dass man am liebsten damit aufhören möchte, sollte man das auch. Dann kann man die Übung leicht verändern, sodass sie wieder gut durchgeführt werden kann.
Oft sagen Patient:innen, dass sie auch am Tag nach der Physiotherapie eine Reaktion spüren, sei es ein Ziehen oder die Muskulatur fühlt sich fester an. In so einem Fall kann ich beruhigen, das ist nicht ungewöhnlich, tatsächlich sind Reaktionen durchaus erwünscht. Nur durch adäquate Reize passt sich unser Körper an und wird wieder kräftiger und/oder beweglicher. Natürlich sollten diese Reaktionen jedoch nicht überschießend sein. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn nach einer Einheit der Schmerz deutlich stärker und länger anhaltend ist oder wenn verstärkte Entzündungszeichen auftreten. In so einem Fall sollte ebenfalls die Ausführung oder die Übung leicht verändert werden oder auch die Intensität angepasst werden.
Es gibt in der Wundheilung nicht DIE eine richtige oder falsche Übung. So wie die Dauer der Wundheilung individuell ist und die einzelnen Phasen von Patient:in zu Patient:in unterschiedlich verlaufen können, variiert auch die Auswahl der Übungen.
Good to know!
Wundheilung läuft nicht linear. Es ist völlig normal, dass betroffene Strukturen auch zu einem späteren Zeitpunkt im Heilungsverlauf immer wieder schmerzen können. Auch ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass sich z.B. die Beweglichkeit von Einheit zu Einheit leicht verändern oder schwanken kann. Das bedeutet nicht, dass die Heilung nicht voranschreitet. Solange der Trend generell nach oben geht, gibt es keinen Grund zur Sorge.
Was ich sehr oft in der Praxis sehe, ist, dass viele bei Verletzungen vergessen, dass man die nicht verletzten Körperregionen auch trainieren könnte. Häufig wird die gesamte Belastung reduziert. Der Arm tut weh und die Beine bekommen auch eine Pause. Dadurch kann es passieren, dass eben auch die nicht verletzten Beine oder der nicht verletzte Arm an Muskelmasse und Kraft verliert – und das wollen wir nicht!
Gerade einbeinige oder einarmige Übungen lassen sich sehr gut an die jeweilige Situation anpassen. Das kann in der Praxis so aussehen: An der betroffenen Seite arbeitet man anfangs mit dem eigenen Körpergewicht, bei der unverletzten Seite drücke ich meinen Patient:innen ein Gewicht in die Hand 😉. Wird die gesunde Seite ausreichend belastet, kann es durch Anpassungen im Nervensystem einen positiven Effekt auf die verletzte Seite haben und diese verliert ebenfalls weniger an Muskelmasse und Funktion.
Das bedeutet: Alle Körperbereiche, die nicht verletzt sind, (so gut es eben geht) trainieren, trainieren, trainieren!
Nicht vergessen!
Auch Lebensstilfaktoren wie Schlaf, Stress, Ernährung sowie persönliche Erwartungen und bisherige Erfahrungen können die Wundheilung positiv beeinflussen oder verzögern. (Gerne nochmal in den Blog zum Thema Schlaf, Entspannung oder auch Omega-3-Fettsäuren reinlesen 😉)
Die Wundheilungsphasen laufen immer gleich ab: Entzündungsphase, Proliferationsphase und Remodellierungsphase. Dennoch gibt es Unterschiede in der Dauer der einzelnen Phasen – sowohl von Mensch zu Mensch als auch von Verletzung zu Verletzung.
Daher lässt sich leider nicht pauschal und schon gar nicht taggenau sagen, wie lange es nach einer Verletzung dauert, bis wieder eine volle Belastbarkeit erreicht ist.
Entscheidend ist in jeder Phase eine individuell angepasste Belastung zu finden – idealerweise mit dem/der Physio deines Vertrauens 😉 – um den Heilungsprozess möglichst gut zu unterstützen.



