Warum Laufdaten hilfreich sein können – und wann sie uns Läufer:innen vom eigenen Körpergefühl entfernen
Ich mag meine Laufuhr. Sie zeigt mir, wie schnell ich gelaufen bin, wie viele Kilometer ich gesammelt habe, wie hoch meine Herzfrequenz war und auch wie gestresst mein Körper im Alltag gerade ist. Ich kann meine Trainingswochen analysieren, meine Jahreskilometer verfolgen und nach einem Lauf genau sehen, was ich gemacht habe.
Eigentlich ziemlich praktisch.
Und trotzdem frage ich mich in letzter Zeit immer öfter, ob ich mich beim Laufen und auch im Leben ein bisschen zu sehr von diesen Zahlen abhängig mache.
Und trotzdem ist da diese kleine Stimme
Das Problem ist: Ich weiß das alles. Und trotzdem gibt es diese kleine Stimme in meinem Kopf, die sagt:
Du willst doch eigentlich wissen, wie schnell du warst. Wie viele Kilometer bist du diese Woche gelaufen? Wie viele sind es dieses Jahr?
Und wenn ich ehrlich bin: Sie hat ja nicht ganz Unrecht.
Ich bin Läuferin. Ich mag Zahlen. Ich möchte wissen, ob mein Training funktioniert und ob ich schneller werde. Gerade für strukturiertes Training können Pace, Herzfrequenz und andere Daten unglaublich hilfreich sein.
Die Frage ist also nicht, ob Laufdaten gut oder schlecht sind. Die Frage ist: Wer kontrolliert wen?
Benutze ich die Uhr, um mein Training besser zu steuern?
Oder trainiere ich um bestimmte Zahlen auf der Uhr zu sehen? (Hallo Wochenkilometer, die mich jeden Tag auf der Startseite meiner Uhr anstarren und mir am Montag immer das Gefühl vermitteln, als wäre ich schon ewig nicht gelaufen…)
Die Vorteile von Daten
Laufdaten können unglaublich wertvoll sein.
Bei strukturierten Intervallen möchte ich beispielsweise wissen, ob ich ungefähr die richtige Geschwindigkeit laufe und ob meine angepeilte Wettkampfpace überhaupt realistisch ist. Bei Schwellentraining kann die Herzfrequenz eine hilfreiche Information sein, um die Intensität zu steuern. Und über längere Zeit können Trainingsdaten zeigen, ob sich meine Leistungsfähigkeit verändert.
Daten können also Orientierung geben.
Und manchmal können sie sogar dabei helfen, das eigene Körpergefühl besser zu verstehen.
Genau das erlebe ich beispielsweise bei den Stresswerten meiner Uhr. Ich stelle immer wieder fest, dass sie mir tatsächlich anzeigen können, wenn mein Körper gerade stärker belastet ist. Garmin-Nutzer werden es kennen: Die Body-Battery ist im Keller, die aktuellen Stresswerte sind auf Rekordniveau und sogar in der Nacht lässt die Entspannung zu wünschen übrig…
Es kommt regelmäßig vor, dass ich selbst nicht das Gefühl habe gestresst zu sein und die Daten eindeutig etwas anderes sagen. Wenn ich mir dann Zeit nehme zu reflektieren und auch mehr hineinzuspüren merke ich oft deutlich, dass ich den Stress aufgrund der hohen Anspannung einfach nicht gemerkt habe.
Besonders schwierig finde ich die Kalorienanzeige
Bei den Kalorien merke ich für mich besonders deutlich, wie schnell Zahlen kontraproduktiv werden können.
Meine Uhr zeigt mir, wie viele Kalorien ich beim Laufen ungefähr verbraucht habe und wie hoch mein Kalorienbedarf im Alltag ist. Ob diese Werte realistisch sind oder wie weit sie nach oben/unten abweichen, will ich hier gar nicht diskutieren.
Mein Problem: Ich kann diese Zahl nicht einfach als interessante Information betrachten.
Mein Kopf beginnt sofort, damit zu rechnen.
Wie viel habe ich heute verbraucht?
Wie viel „darf“ ich essen?
Wie viel habe ich durch das Training zusätzlich gebraucht?
Und genau das möchte ich eigentlich nicht. Denn ich möchte wieder besser darin werden, meinen Körper wahrzunehmen. Ich möchte essen, wenn ich Hunger habe. Ich möchte merken, wenn ich nach einer längeren oder intensiveren Einheit mehr Energie brauche oder wenn ich an Ruhetagen „nachfüllen“ muss, was am Trainingstag zu kurz gekommen ist.
Ich möchte meinem Körper ausreichend Kohlenhydrate und Energie zur Verfügung stellen, um optimal trainieren zu können – und nicht erst dann essen, wenn irgendeine Zahl auf meiner Uhr mir sagt, dass ich „genug“ verbraucht habe.
Die Kalorienanzeige kann deshalb bei mir genau das Gegenteil von dem bewirken, was ich eigentlich erreichen möchte:
Sie bringt mich weg von „Was braucht mein Körper, um gut leistungsfähig zu sein?“ und hin zu „Was habe ich mir heute verdient?“
Zahlen sind objektiv, mein Körpergefühl können sie aber nicht ersetzen
Das Spannende an all diesen Daten ist, dass sie so objektiv wirken.
Eine Pace ist eine Pace. 10 Kilometer sind 10 Kilometer. Eine Kalorienzahl sieht aus wie eine präzise Information.
Aber mein Körper ist keine Excel-Tabelle.
Die gleiche Pace kann sich an einem Tag leicht und am nächsten Tag überraschend hart anfühlen. Ein Lauf kann auf dem Papier identisch aussehen und sich trotzdem völlig unterschiedlich anfühlen. Meinen Muskelkater vom Krafttraining kann meine Uhr nicht spüren. Und genau deshalb ist es wichtig dem Spüren auch Raum zu geben und das Körpergefühl auch mitbestimmen zu lassen ob ein Training sinnvoll ist.
Wenn Laufen wieder einfach nur Laufen ist
Ich habe schon einmal mehrere Monate fast gänzlich auf meine Laufuhr verzichtet (Ausnahmen waren Trainingseinheiten die ich geleitet habe).
Und das Interessante daran war: Ich habe mich läuferisch weiterentwickelt, ohne ständig zu wissen, wie schnell ich gerade unterwegs war oder wie viele Kilometer an diesem Tag zusammengekommen sind.
Vor allem lockere Läufe haben sich anders angefühlt. Ohne Uhr gibt es keine Pace, die ich unbewusst halten möchte (oder später auf Strava sehen möchte). Keine Kilometerzahl, die ich noch „vollmachen“ muss. Keine Durchschnittsgeschwindigkeit, die am Ende möglichst schön aussehen soll.
Ich konnte einfach laufen. Das war ein unglaublich befreiendes Gefühl!
Ich konnte viel stärker darauf achten, wie sich der Lauf tatsächlich anfühlt.
Bin ich müde?
Fühlt sich das Laufen leicht an?
Habe ich Lust, etwas schneller zu laufen?
Oder ist heute vielleicht ein Tag, an dem ich den Lauf abbreche, lieber spazieren gehe oder sogar auf der Couch liegen bleibe?
Nicht nur beim Laufen hat mir die „uhrfreie“ Zeit gutgetan. Auch im Alltag war dieser übermäßige Fokus auf Zahlen plötzlich weg: keine Schlafdaten, die ich analysiere, kein Nachdenken darüber, wie viele Kalorien ich heute schon verbraucht habe, kein Blick auf die Uhr, um sicherzugehen, dass ich heute schon über 10.000 Schritte zurückgelegt habe…
Vielleicht muss ich nicht auf Daten verzichten – sondern bewusster entscheiden, wann ich sie brauche
Ich glaube deshalb nicht, dass ich meine Laufuhr komplett abschaffen möchte. Dafür sind die Daten bei bestimmten Trainingsformen einfach zu hilfreich. Wenn ich Intervalle laufe oder eine bestimmte Belastung steuern möchte, möchte ich weiterhin wissen, was ich mache.
Aber ich muss nicht jeden Lauf messen.
Vor allem nicht die Läufe, bei denen es eigentlich darum geht, locker zu laufen, mich zu bewegen und mich zu erholen.
Vielleicht darf ein lockerer Lauf einfach ein lockerer Lauf sein.
Ohne Pace.
Ohne Kilometerziel.
Ohne Herzfrequenz.
Ohne Kalorien.
Nicht weil Daten schlecht sind. Sondern weil ich nicht möchte, dass sie mir sagen, wie sich ein Lauf anfühlen soll.
Ich möchte mein Laufen wieder mehr genießen, anstatt ständig zu analysieren.
Ich habe schon einmal erlebt, wie befreiend es sein kann, ohne Uhr zu laufen. Und vielleicht ist es deshalb tatsächlich wieder an der Zeit, sie öfter abzulegen.
Nicht für immer. Nicht als Statement gegen Technologie oder gegen Trainingsdaten.
Sondern ganz bewusst.
Für mehr Entspannung beim Laufen. Für einen freien Kopf. Und dafür, wieder ein bisschen besser zu spüren, was mein Körper mir eigentlich sagen möchte.
Vielleicht ist genau das eine Fähigkeit, die wir Läufer:innen zwischen all den Trainingsdaten manchmal wieder neu lernen müssen.



