Rückenschmerzen verstehen: Fokus Motorik

Warum Rückenschmerzen oft mit einer gestörten motorischen Kontrolle zusammenhängen und was das eigentlich bedeutet.

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen unserer Zeit. Die meisten davon gelten als unspezifisch – es lässt sich also keine klare strukturelle Ursache wie ein Bandscheibenvorfall oder eine Nervenreizungen finden. Das hört sich im ersten Moment frustrierend an, ist aber in Wahrheit eine gute Nachricht:
Bei den meisten Menschen ist kein Gewebe beschädigt, sondern das Nervensystem ist aus dem Gleichgewicht geraten.

Ein zentraler Baustein in diesem Zusammenhang ist die sogenannte motorische Kontrolle. Viele Menschen haben schon davon gehört, aber nur wenige wissen genau, was sie bedeutet und warum sie bei Rückenschmerzen eine so wichtige Rolle spielt.

In diesem Blogbeitrag erfährst du:

  • Was motorische Kontrolle eigentlich ist
  • Wie sie beeinflusst, wie wir uns bewegen
  • Warum Rückenschmerzen sie verändern können
  • Ob schlechte Kontrolle selbst Schmerzen verursachen kann
  • Und warum diese Veränderungen nicht gefährlich, sondern trainierbar sind

Was ist motorische Kontrolle?

Motorische Kontrolle beschreibt die Fähigkeit des Nervensystems, Bewegungen des Körpers gezielt, präzise, stabil und effizient zu steuern.

Sie umfasst drei Bausteine:

1. Wahrnehmung (Propriozeption)

Unser Körper muss wissen, wo sich jedes Körperteil befindet und wie es sich bewegt – ohne dass wir hinschauen. Diese Körperwahrnehmung ist ein ständiger Informationsstrom aus Muskeln, Gelenken, Faszien und der Haut.

2. Verarbeitung im Gehirn

Das Gehirn sortiert, filtert und kombiniert alle Informationen. Dabei entscheidet es:

  • Welche Muskeln aktiv werden
  • Wie stark
  • Zu welchem Zeitpunkt
  • In welcher Reihenfolge
3. Ausführung durch Muskeln

Die Muskeln setzen den plan in Bewegung um – idealerweise fein abgestimmt, stabil und flüssig.

Wenn diese drei Bausteine gut miteinander harmonieren, bewegen wir uns automatisch und mühelos. Wenn sie gestört sind, wirken Bewegungen steif, unpräzise, „unsicher“ oder schwer kontrollierbar.

Wie hängt motorische Kontrolle mit dem Rücken zusammen?

Für den unteren Rücken ist motorische Kontrolle besonders wichtig, denn:

  • Die Lendenwirbelsäule trägt viel Last
  • Sie muss sich bewegen, aber gleichzeitig stabil bleiben
  • Viele kleine Muskeln stabilisieren jedes einzelne Wirbelsegment
  • Große Muskeln unterstützen grobe Bewegungen
  • Das Gehirn muss ständig entscheiden, wie viel Spannung sinnvoll ist

Ein gut funktionierendes System sorgt dafür, dass sich der Rücken gleichzeitig stabil und beweglich anfühlt.

Warum verändert sich motorische Kontrolle bei Rückenschmerzen?

Hier kommt ein zentraler Punkt:
Schmerz verändert automatisch die Art, wie das Nervensystem Bewegung steuert.

Typische Veränderungen sind:

1. Schutzspannung (Überaktivität)

Manche Muskeln verspannen sich zu stark, weil der Körper versucht, den Rücken zu „schützen“.

2. Muskelhemmung (Unteraktivität)

Andere, oft tiefere Muskeln wie z.B. der Multifidus werden gehemmt und arbeiten schlechter – obwohl sie gerade jetzt besonders wichtig wären.

3. weniger Bewegungsvielfalt

Menschen bewegen sich vorsichtiger, vermeiden bestimmte Bewegungen und nutzen immer wieder dieselben Muster.

4. veränderte Wahrnehmung

Der Rücken fühlt sich weniger klar an – manche beschreiben es als:
„Ich weiß nicht genau, was mein Rücken macht.“

5. Veränderungen im Gehirn

Das Gehirn verknüpft bestimmte Bewegungen mit Gefahr oder Schmerz und steuert sie anders.

Kann schlechte motorische Kontrolle Schmerzen verursachen?

Die kurze Antwort: Ja – aber selten als alleinige Ursache.

Eine dauerhaft ungünstige oder wenig variable Bewegungsweise kann über längere Zeit zu einer Überlastung bestimmter Strukturen führen. Das bedeutet:

  • Nicht die „schlechte Bewegung“ schmerzt,
  • sondern die folgende Überlastung.

Aber dieser Effekt ist deutlich kleiner als jahrzehntelang angenommen.
Viele Menschen bewegen sich „suboptimal“, ohne Schmerzen zu haben.

Die Forschung zeigt:
Schmerzen entstehen meist zuerst – und die Kontrollstörung ergibt sich als Folge.

Am häufigsten ist daher ein Teufelskreis:

  1. Ein Reiz, Stress oder eine ungewohnte Belastung → Schmerz
  2. Schmerz verändert die Steuerung → Spannung, Ausweichmuster
  3. Dadurch mehr Belastung oder Unsicherheit → anhaltender Schmerz
  4. Weniger Bewegung → schlechtere Kontrolle
  5. Mehr schlechtere Kontrolle → Rücken fühlt sich „schwach“ oder „instabil“ an
  6. Wieder mehr Schmerz

Gute Nachricht: Dieser Kreislauf ist umkehrbar.

Warum ist das wichtig zu verstehen?

Viele Betroffene glauben, ihr Rücken sei „kaputt“ oder „instabil“.
Das stimmt aber in den allermeisten Fällen nicht.

Stattdessen besteht oft ein trainierbares Lernproblem – kein strukturelles Defekt.

Wenn man erkennt: „Meine motorische Kontrolle hat sich durch Schmerz verändert,
und ich kann sie wieder verbessern.“…dann verändert das die ganze Perspektive.

Es stärkt:

  • Bewegungsvertrauen
  • Selbstwirksamkeit
  • Motivation zur Bewegung
  • Verständnis, dass Rückenschmerzen kein Schaden sein müssen

Wie kann man motorische Kontrolle wieder verbessern?

Ein paar Grundprinzipien:

  • Variabilität trainieren (viele verschiedene Bewegungsmuster)
  • Gezielte Übungen für tiefe Rumpfmuskeln
  • Bewusste Bewegungsschulung
  • Langsames, kontrolliertes Training
  • Alltagsbewegungen neu lernen
  • Angst und Schonverhalten abbauen

Motorische Kontrolle ist sehr gut trainierbar – ähnlich wie ein Instrument oder eine Sprache.

Auf unserem Instagram-Kanal zeigen wir euch regelmäßig Bewegungsvideo. Unter anderem findet ihr auch ein Video zur Haltungs-/Bewegungskontrolle: Klötzchenspiel

Fazit

Unspezifische Rückenschmerzen entstehen oft nicht durch Schäden, sondern durch Veränderungen im Nervensystem. Motorische Kontrolle spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie wird durch Schmerz gestört, und die gestörte Kontrolle kann Schmerzen verstärken oder aufrechterhalten.

Die gute Nachricht:
Motorische Kontrolle lässt sich wieder aufbauen – und das ist einer der effektivsten Wege aus dem Schmerz.

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